Das zeremonielle Bogenschießen im Li Chi 

Artikel von Alfred Schmidt

Alfred Schmidt, Neujahr im WienerBerg Kyudojo

Das zeremonielle Bogenschießen im Li Chi

 

Das Buch der Riten und Sitten (Li-chi) ist neben dem I-Ching (Buch der Wandlungen), dem Shih-Ching (Buch der Lieder), dem Shu-Ching (Buch der Urkunden) und den „Frühlings- und Herbst-Annalen des Staates Lu“ eines der fünf klassischen Bücher des Konfuzianismus. Diese Bücher waren vom 2. Jh. v. Chr. bis ins 19. Jh. der Prüfungsstoff für alle Staatsbeamten in China. Ein Kapitel des Li-Chi ist dem Bogenschießen gewidmet.
Buch 43: She-i (oder die Bedeutung der Zeremonie des Bogenschießens)
(aus dem Englischen übersetzt von A.S., englische Fassung unter: http://www.100jia.net/texte/liji/liki2/liki243.htm)
 
1.  Von alters her war es Regel bei den Landesfürsten, wenn Sie Bogenschießen praktizierten, die Zeremonie eines Banketts zu feiern, und für die hohen Beamten und normalen Beamten, vor dem Schießen zuerst die Zeremonie des Trinkens in den Landdistrikten (Gautrinken) zu feiern. Die Zeremonie des Banketts diente dazu, das Verhältnis zwischen dem Herrscher und den Untergebenen, das Gautrinken das zwischen Jugend und Alter zu illustrieren.

2.  Die Bogenschützen waren angehalten in den Vorbereitungen, beim Beenden und in allen ihren Bewegungen die Regeln einzuhalten. Mit korrektem Geist und aufrechter Körperhaltung hatten sie ihre Bögen und Pfeile kunstgerecht und fest zu halten; und wenn sie es so machten, so erwartete man, dass sie das Ziel trafen. Auf diese Weise – durch das Bogenschießen – zeigten sie ihren Charakter.

3.  Um die abgeschossenen Pfeile zu regulieren, wurde – im Fall des Sohns des Himmels das Zau-yü gespielt; im Fall der Landesfürsten das Li-Shau; im Fall der Würdenträger, hohen Beamten das Zhai-pin, im Fall der Beamten das Zhai-fan. (Jeder Schütze schoss vier Pfeile auf das Ziel. Entsprechend den Pflichten des Bogenschützen-Vorstehers im Kau-Li (Buch XXX, §§ 54-67, bes. 57) wurde das Zau-yü neun Mal gespielt oder gesungen; das Li-shau sieben Mal; die beiden anderen fünf Mal. Wenn der König schoss, so begann er nach der fünften Vorführung, und hatte die ganze Zeitspanne davor Zeit, sich vorzubereiten; ein Prinz musste nach der dritten Vorführung beginnen, und in den beiden anderen Fällen, blieb nur eine Vorführung Zeit sich vorzubereiten.)

Das Zau-yü drückt Freude aus, dass jedes Amt richtig besetzt ist; das Li-shau drückt die Freude der Audienzen am Kaiserhof aus; die Zhai-pin drückt die Freude der Einhaltung der Gesetze aus; das Zhai-fan die Freude, frei zu sein von allen Verfehlungen der Pflicht. Darum bestimmt der Sohn des Himmels sein Schießen im Bewusstsein des rechten Gefühls aller Beamten, ein Landesprinz im Bewusstsein der Stimmung bei der Audienz beim Sohn des Himmels, die Würdenträger und hohen Beamten im Bewusstsein der Einhaltung der Gesetze; und die Beamten im Bewusstsein des nicht Verfehlens ihrer Pflichten.

Auf diese Weise, wenn sie die Bedeutung dieser regulierende Maßnahmen klar verstanden hatten, und wenn sie fähig waren, Fehler in ihren Diensten zu vermeiden, waren sie erfolgreich in ihren Unternehmungen und ihr Charakter und ihre Haltung wurden entwickelt. Wenn ihr Charakter entwickelt war, ereigneten sich keine Übel wie Unterdrückung und Unordnung; und wenn ihre Unternehmungen erfolgreich waren, waren die Staatsangelegenheiten ruhig und glücklich. Daher sagt man, dass das Bogenschießen dazu dient, die Vollständigkeit der Tugend des Schützen zu zeigen.

4. Folglich wählte der Sohn des Himmels von alters her die Landesfürsten, die Würdenträger, die hohe Beamte waren, und die Beamten nach ihrem Können im Bogenschießen. Bogenschießen ist besonders das Geschäft der Männer, und es wurde um die Verschönerung der Zeremonien und der Musik ergänzt. So kommt unter den Dingen, die eine vollständigste Illustration von Zeremoniell und Musik ergeben, und bei denen die häufige Aufführung dazu dient, Tugend und gutes Betragen zu entwickeln, nichts dem Bogenschießen gleich: und darum schenkten ihm die früheren Könige so viel Aufmerksamkeit.

Aus diesem Grund präsentierten die Landesprinzen von Alters her, entsprechend den königlichen Einrichtungen, jährlich die Beamten, die im Dienste des Sohns des Himmels standen, um sie in der Bogenschieß-Halle auf die Probe stellten: Denjenigen, bei denen die Körperhaltung in Übereinstimmung mit den Regeln war und deren Schießen in Übereinstimmung mit der Musik war und die das Ziel regelmäßig trafen, wurde erlaubt, an den Opfern teilzunehmen. Wenn die Beamten häufig dieses Privileg hatten, wurde ihren Fürsten gratuliert; wenn sie häufig scheiterten das zu erreichen, wurden sie gemaßregelt. Wenn einem Fürsten häufig auf diese Wiese gratuliert wurde, erhielt er auch ein vergrößertes Territorium; wenn er häufig so gemaßregelt wurde, wurde ihm ein Teil seines Territoriums weggenommen. Daher kommt der Ausspruch: Die Bogenschützen schießen im Interesse ihrer Fürsten.“ Daher widmen sich in den Staaten die Herrscher und ihre Beamten dem Bogenschießen, und in Verbindung mit dieser Praxis stehen die Zeremonien und die Musik. - Aber wenn die Herrscher und ihre Beamten die Zeremonien und die Musik praktizieren, ist niemals bekannt geworden, dass so eine Praxis zu ihrer Verbannung oder zum Ruin geführt hätte.

Darum heißt es in einer Ode (jetzt verloren):
Der einst herabgestiegene Kaiser
zeigt deine Becher der Gnade.
Seine Anführer und Adeligen
erscheinen alle auf ihrem Platz;
kleine Beamte und große
keiner wird fernbleiben.
Seht sie vor ihrem Prinzen
Alle in ihrer vollen Aufmachung.
Sie ergötzen sich und dann schießen sie,
glücklich und zum Vorteil gepriesen.

Diese Zeilen zeigen, wie – wenn die Herrscher und ihre Beamten sich ernsthaft dem Bogenschießen widmen und sie in Verbindung mit Zeremonien und Musik praktizieren – sie glücklich wurden und Ruhm erlangten. Es geschah unter diesen Umständen, dass der Sohn des Himmels den Brauch einführte, und die Landesfürsten entsprachen ihm gewissenhaft. Das war die Weise, wie der Sohn des Himmels die Prinzen ehrte und keine Notwendigkeit von Kriegswaffen bestand; es gab den Prinzen auch ein Instrument, sich selbst in Rechtschaffenheit zu üben.

7. Einmal als Konfuzius ein Bogen-Treffen in seinem Obstgarten in Kio-Hsiang veranstaltete, bildeten die Zuschauer rundherum eine dichte Wand. Als die Zeremonie soweit fortgeschritten war, dass ein Meister des Pferdes ernannt werden sollte, sandte er Dze-lu seinen Bogen und Pfeile zu nehmen und jene einzuladen, die zu schießen wünschten und dabei zu sagen: ‚Den Generälen besiegter Armeen, den hohen Beamten eines regierungslosen Landes und allen, die Nachfolger und Erben eines anderen sind, ist es nicht erlaubt einzutreten, die übrigen aber sollen eintreten.‘ Danach ging die Hälfte weg, die andere Hälfte trat ein.

Danach befahl er dem Kung-Wang Khiu und Hysü-Tien die Hörner zum Umtrunk zu heben und einen TRinkspruch zu machen. Da hob Kung Wang Khiu seinen Becher und sagte: ‚Sind die Jungen und Kräftigen hier gewahr ihrer Pflichten als Söhne und Brüder? Sind die alten und Männer von 80 Jahren, solche die Anständigkeit lieben, nicht ausschweifenden Sitten folgen, und entschlossen ihren Charakter bis zum Tod zu erhalten?. Wenn ja so mögen sie ihre Plätze als Gäste einnehmen. Danach verließ wieder die Hälfte den Raum, der Rest blieb.

Hsü Tien erhob als nächster seinen Becher und sprach: ‚Liebt ihr es zu lernen ohne müde zu werden? Schätzt ihr die Regeln des Anstandes und seid unerschütterlich in deren Einhaltung? Verfolgen diejenigen von Euch, die 80, 90 und 100 Jahre sind, den Weg der Tugend ohne Verwirrung und Irrtümer? Wenn es so ist, mögt ihr die Plätze der Zuschauer einnehmen.‘ Danach blieb kaum jemand übrig.

8. Zu schießen bedeutet, auszuziehen bis zum Ende, und einige sagen am richtigen Punkt zu halten. Dieses Ausziehen bis zum Ende bedeutet, dass jeder seine eigene Idee verwirklicht, sodass mit dem Geist im Gleichgewicht und den Körper korrekt ausbalanciert, der Bogenschütze seinen Bogen und Pfeil kunstgerecht und festhält. Wenn er sie so hält, wird er das Ziel treffen. Daher sagt man, „Der Vater schießt auf die Vater-Zielscheibe, der Sohn auf die Sohn-Zielscheibe; der Herrscher auf die Herrscher-Zielscheibe, der Untergebene auf seine Marke. Daher schießt der Bogenschütze auf das Ziel seines idealen Selbst; und so wird das Große Bogenschießen des Sohnes des Himmels das Schießen auf das Ziel der Landesfürsten genannt. Schießen auf das Ziel der Landesfürsten war schießen, um sich selbst als Fürst zu beweisen. Demjenigen, der das Ziel traf, wurde erlaubt es weiterhin zu sein, das heißt seinen Rang als Fürsten zu behalten, demjenigen, der nicht traf, wurde nicht erlaubt, seinen Rang als Fürst zu behalten.

9. Wenn der Sohn des Himmels daran ging zu opfern, war es Brauch, dass er das Bogenschießen am Teich zelebrierte, welcher Name die Idee des Auswählens der Offiziere entsprechend ihrem Schießen suggeriert. Nach dem Bogenschießen am Teich kam das Schießen in der Halle. Diejenigen, die das Ziel trafen, durften an der Opferzeremonie teilnehmen; diejenigen, die es verfehlten, nicht. Der Fürst derjenigen Schützen, die die Erlaubnis nicht erhielten, wurde gerügt und ein Teil seines Territoriums ihm entzogen. Der Fürst derjenigen, die die Erlaubnis zur Teilnahme bekamen, wurde beglückwünscht und er erhielt weitere Länder. Die Beförderung zeigte sich im Rang, die Degradierung im Verlust von Gebieten.

10. Daher platzierte man, wenn ein Sohn geboren wurde, einen Bogen aus Maulbeerholz und sechs Pfeile aus wilden Himbeerpflanzen links von der Türe zum Zweck, auf den Himmel, die Erde und die vier Himmelsrichtungen zu schießen. Himmel, Erde und die Vier Himmelsrichtungen bezeichnen die Sphären, worin die Aufgabe des Mannes liegt. Der junge Mann muss seinen Geist zuerst der Sache widmen, die seine Aufgabe ist, und dann kann er es wagen, eine Vergütung zu erwarten, das heißt die Bereitstellung seines Lebensunterhalts.

11. Das Bogenschießen empfiehlt uns den Weg (das Tao) der Güte (des Wohlwollens). Der Schütze versucht, in sich selbst korrekt zu sein, und dann sendet er seinen Pfeil ab. Wenn er das Ziel verfehlt, ist er nicht zornig auf den, der ihn übertroffen hat, sondern dreht sich um und sucht den Fehler bei sich selbst. Konfuzius sagt: „Der tugendhafte Student kennt keine Streitereien. Wenn man sagt, er könnten sie nicht vermeiden, sollte das im Bogenschießen ausgetragen werden? Er verbeugt sich höflich vor seinem Konkurrenten und verlässt die Halle, erscheint wieder und fordert den Verlust des Trink-Zeremoniells. In seiner Zufriedenheit ist er immer noch der überlegene Mann.“

12. Konfuzius hat gesagt: „Wie schwierig ist es zu schießen! Wie schwierig der Musik zuzuhören! Exakt im Einklang mit der Musik zu schießen, und zu schießen ohne das Schwarze im Ziel zu verfehlen: – nur ein Schütze von höherer Tugend kann dies erreichen! Wie sollte ein Mann mit niedrigem Charakter fähig sein das Ziel zu treffen? Im Buch der Lieder wird gesagt:
„Jetzt schieße“, sagt er „und zeige Dein Können.“
Der andere antwortet, „Schießen werde ich,
und das Ziel treffen; – und wenn Du es verfehlst
Bete darum den Becher der Strafe zu küssen.“

Beten bedeutet hier zu verlangen. Der Schütze versucht, das Ziel zu treffen um den Becher abzulehnen. Der Likör im Becher ist dazu gemacht, die Alten und Kranken zu ernähren. Wenn der Schütze versucht zu treffen, um den Becher zurückzuweisen, bedeutet das, zurückweisen, was dazu dienen soll, die zu ernähren, die es nötig haben.,

A. Schmidt

WienerBerg Kyudojo

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