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Kyudo

Vortrag von Alfred Schmidt
 

Alfred Schmidt, Somu Gako-Kyudojo
 

Kyudo

Vortrag von Alfred Schmidt anlässlich einer Kyudo-Präsentation im Rahmen der Eröffnung des neuen Shambhala-Zentrums am 18.5.2004

 

 

Ich begrüße alle Kyudo-Interessierten sehr herzlich, und möchte mich zuerst beim Shambhala-Zentrum für die Einladung bedanken, hier heute Abend unsere Kyudo-Gruppe GAKO-Kyudojo vorzustellen zu dürfen.

Zunächst einige allgemeine Worte zu meinem Verständnis von dem, was Kyudo ist oder sein sollte. Versucht man in Worten Dinge zu erklären, bei denen es wesentlich um eigene Erfahrungen geht – wie beim Kyudo –, so kann das immer nur ein sehr abstrakter Rahmen sein, der erst durch die eigene Praxis mit konkretem Sinn ausgefüllt werden kann – das möchte ich vorweg zu bedenken geben.

Ich werde zunächst von zwei – vielleicht naheliegenden – Missverständnissen ausgehen, die zeigen sollen, was Kyudo – in unserem Verständnis – nicht ist.

Das eine Missverständnis ist die Vorstellung, Kyudo wäre ein Art Wettschießen, und das primäre Ziel bestünde darin, eine Zielscheibe möglichst oft und konstant zu treffen. Es ist vielleicht das natürlichste Missverständnis im Kyudo, vor allen für Menschen in unserer Kultur, die von Kindheit an daran gewöhnt sind, nach ihrem messbaren Erfolg beurteilt zu werden, sich mit anderen dauernd zu messen. Es ist auch eine Auseinandersetzung, die uns selbst als Kyudo-Praktizierende beständig begleitet, von der wir uns wahrscheinlich nie vollständig lösen können. Wir alle kennen den inneren Jubel „Ja, ich habe getroffen!". Ich vermute, keinem von uns gelingt es, sich ganz davon zu frei zu machen, auch wenn wir äußerlich eine unbewegte Miene zeigen. In der Sitzmeditation gibt es diese Versuchung nicht, an einem sichtbaren Erfolg gemessen zu werden.

Was ist aber so falsch daran, das Ziel treffen zu wollen?

Das Problem ist, dass wir sehr leicht zu dem Glauben verführt sind, ein Pfeil, der die Zielscheibe getroffen hat, wäre in sicheres Kennzeichen, dass der Schuss als Ganzes richtig, d.h. in der richtigen Form und im richtigen Geist geschossen war. Das ist leider nicht so, auch ein ganz schlechter Schuss kann zufällig das Ziel treffen. Umgekehrt aber kann man sagen, ein wirklich richtiger Schuss wird auch das Ziel treffen, er wird es von selbst treffen; und auf diese beiden Wörter kommt es dabei an: von selbst.
Ein anderes recht verbreitetes Missverständnis im Zusammenhang mit Kyudo möchte ich den „Samurai-Mythos“ nennen. Ich meine damit die Vorstellung, dass unser Kyudo heute in irgendeiner direkten Beziehung zu einer meist romantisch verklärten, ideologisch aber sehr fragwürdigen Samurai-Tradition steht.

Es ist historisch wohl richtig, dass Kyu-jutsu – wie die Technik des Bogenschießens im Unterschied zu Kyudo, dem Weg des Bogens, genannt wurde – eine wesentliche Kriegsdisziplin der Samurai war. Dies war etwa bis zum Ende des 16. Jahrhunderts der Fall, bis die von den Portugiesen übernommen Feuerwaffen den Bogen sehr rasch als Kriegswaffe verdrängten. Kyu-jutsu als Kriegstechnik war immer Mittel zum Zweck, zum Zweck den Gegner möglichst effizient zu bekämpfen. Klarerweise bleibt der Bogen nur so lange dafür interessant, bis es ein wirkungsvolleres Mittel für diesen Zweck gibt. Ein Gewehr übertrifft den Bogen an Wirkungskraft bei weitem. (Es wäre aber offenbar unsinnig, wenn jemand sage würde, mit eine Präzisionsgewehr ließe sich noch viel besser meditieren, weil seine Zielgenauigkeit noch wesentlich größer ist.)

Kyudo als meditative Praxis, wie wir es verstehen, hat mit diesem Bogenschießen als Kriegsdisziplin praktisch nichts zu tun. Kyudo ist immer Selbstzweck, nicht Mittel für irgendetwas Anderes.

Es ist eine andere wesentlich ältere Tradition, als die Kriegstechnik der Samurai, die für unser heutiges Verständnis zu Kyudo von Bedeutung ist. Die Silbe ‚do' in Kyudo weist uns den Weg dahin, sie entspricht der chinesischen Wurzel ‚tao' (= Weg). Bereits zu Zeiten des Meisters Kung-tse (Konfuzius) wurde in China ein streng formalisiertes und ritualisiertes Bogenschießen an Adelshöfen praktiziert. Konfuzius schon betonte die geistige Ebene des Bogenschießens. An der Art wie jemanden seinen Bogen spannt, zeige sich der Charakter eines Schützen, sagt Konfuzius.

Ganz ähnliche Aussagen stammen von unserem Lehrer Shibata Sensei XXI.: Wenn er einen Kyudo-Studenten beobachtet, auch wenn er diesen Menschen sonst gar nicht kennt, offenbart dieser seine ganze Persönlichkeit sehr direkt, er steht wie „nackt“ vor ihm, so Shibata Sensei XXI..

Im Buch der Riten, einem der 5 klassischen Bücher des Konfuzianismus, gibt es einen eigenen Abschnitt (Buch 43) über dieses zeremonielle Bogenschießen an chinesischen Adelshöfen, das übrigens von Musik begleitet war. Der dort beschriebene geistige Charakter des Bogenschießens kommt unserem Verständnis heute erstaunlich nahe.
„Das Bogenschießen leitet uns auf dem Weg (dem Tao) der Güte (des Wohlwollens). Der Schütze versucht, in sich selbst korrekt zu sein, und dann sendet er seinen Pfeil ab. Wenn er das Ziel verfehlt, ist er nicht zornig auf den, der ihn übertroffen hat, sondern dreht sich um und sucht den Fehler bei sich selbst.“

Im möchte aber auch noch ganz kurz an eine andere Tradition erinnern, die uns helfen kann, Kyudo richtig zu verstehen, nämlich als eine Form von Meditation: Kyudo ist Meditation im Stehen, sagt Shibata Sensei XX.. Es ist jedenfalls eine Form von Meditation, bei der der körperliche Aspekt eine größere Rolle spielt als bei der Sitzmeditation. Das erinnert an die Tradition des indischen Hatha-Yogas, wo seit Jahrhunderten überlieferte Körperstellungen - sog. „Asanas“ – geübt werden. Diesen z.T. recht schwierig zu erlernenden Körper-Positionen werden jeweils spezifische, körperliche und psychisch-geistige Wirkungen zugeschrieben, etwa dem Lotus-Sitz. Es ist wohl nicht zufällig, dass Buddha praktisch immer in dieser Position dargestellt wird, und dass diese Haltung auch bis heute die gebräuchlichste Meditationsstellung ist.

Der vorgegebene Bewegungsablauf, den wir in der Kyudopraxis immer und immer wieder unverändert durchlaufen, könnte man als ein etwas komplexeres, dynamisches Asana verstehen. Die häufige und über längerer Zeit hindurch praktizierte Wiederholung dieses Kyudo-Asanas führt zu einer inneren Harmonisierung, indem der Einzelne in einer fest vorgegebenen Form Rückhalt findet, und damit auch in gewisser Weise seine Egozentriertheit überwindet. Es geht ja gerade nicht darum, diese Kyudo-Form individuell noch in irgendeiner besonderen Weise auszuschmücken oder zu verfeinern, also nicht um Selbstdarstellung. Es geht nicht darum, originell zu sein. Und dennoch – oder vielleicht deshalb – drückt sich die eigene Persönlichkeit, auch der momentane geistige Zustand direkt im Kyudo aus, weil man sich beim Kyudo kaum verstellen kann.

Und es gibt noch einen weiteren Aspekt dieser gemeinsamen Form der mir hier sehr wichtig ist: dadurch, dass wir in der Gruppe praktizieren, d.h. denselben Bewegungsablauf zusammen synchron durchlaufen, in unzähligen Wiederholungen dabei unsere Bewegungen, unser Tempo, unsere Atmung an einander anpassen, führt er auch zu einer schrittweisen Harmonisierung in der Gruppe. Wir sind von dieser gemeinsamen Form, die uns das Kyudo vorgibt, geprägt; es ist sozusagen ein gemeinsames inneres Muster, das uns verbindet.

In diesen Kyudo-Asanas ist jede Phase im Ablauf von gleicher Wichtigkeit. Ein Teil des Bewegungsablaufs ist die Ausrichtung auf ein Ziel hin, das sich gewöhnlich in 28 m Entfernung von uns befindet. Auch das Loslassen des Pfeils ist nur ein Moment, eine Phase in diesem Ablauf, nicht wichtiger als die anderen. Wo der Pfeil schließlich landet, ist etwas wie ein Reflex unseres momentanen Zustandes – der Spiegel, der uns vorgehalten wird. 
Abschließend noch ein paar Worte zu unserer Gruppe und der Kyudo-Tradition, in der wir stehen. Die Richtung der wir angehören heißt Heki-Ryu-Bishu Chikurin-ha und geht historisch zurück auf einen buddhistischen Mönch des Shingon-Buddhismus, der diese Schule im 16. Jahrhundert gründete.

Unsere Lehrer und gegenwärtige Meister der Chikurin-ha sind Kanjuro Shibata Sensei XX. und sein designierter Nachfolger Shibata XXI. Sensei. Shibata XX. ist mit 83 Jahren immer noch als Lehrer aktiv; er wird im August ein Seminar hier in Wien halten.

Es ist wahrscheinlich einigen von Euch bekannt, dass er über Vermittlung von Kobun Chino-Roshi 1980 von Chögyam Trungpa Rinpoche in die USA eingeladen wurde und ab 1985 dort auch jeweils die Hälfte des Jahres blieb, um Kyudo zu unterrichten. Seither gibt es Verbindungen der Shambhala Welt mit der Kyudotradition der Chikurin-ha. Es entstanden in der Folge zahlreiche Kyudojo in Nordamerika und Europa, insgesamt sind es heute etwa 30, darunter auch unsere Wiener Gruppe GAKO-Kyudojo. Gako bedeutet übrigens „Bergtiger“.

Shibata XXI. Sensei, der Schwiegersohn von Shibata XX., hat bereits vor Jahren seinen Vater in der traditionellen Bogenbauwerkstätte abgelöst und unterrichtet bereits seit vielen Jahren mit ihm zusammen.

Noch ein paar Worte zur inneren Organisation unserer Gruppe: GAKO ist als selbständiger Verein organisiert. Es ist uns sehr wichtig, dass es innerhalb unserer Gruppe keine Zwischenhierarchien gibt; d.h. wir alle verstehen uns als Schüler von Shibata Sensei. Zwischen den Schülern gibt es ein vollkommen gleichberechtigtes Verhältnis. Es gibt länger Praktizierende und weniger lang Praktizierende, aber es gibt z.B. in der Tradition von Shibata Sensei keine Dan-Grade oder Ähnliches. Das unterscheidet uns wesentlich von anderen Kyudo-Gruppen. Es ist natürlich klar, dass es zu den Aufgaben der länger Praktizierenden gehört, den neu Anfangenden beim Erlernen der Form zu helfen, ihnen Hilfestellung zu geben usf. Aber damit drückt sich nicht in irgend einem Sinn ein höherer Rang oder Ähnliches aus.

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